Wenn der Wind zum größten Feind des Windrads wird

In 160 Metern Höhe werden die Rotorblätter montiert – Hierbei ist Feingefühl gefragt

Wenn der Wind zum größten Feind des Windrads wird

Von Leon Link und Rüdiger Busch

Windpark-Gerichtstetten
Hier ist Millimeterarbeit gefragt: Ein Arbeiter bugsiert aus der Gondel heraus, das 38 Tonnen schwere Rotorblatt ins Ziel. Foto: Rüdiger Busch/Leon Link

Gerichtstetten. Mit welch großem Fingerspitzengefühl die Monteure bei Minustemperaturen in einer Höhe von rund 160 Metern eine echte Millimeterarbeit erledigen, ist beeindruckend: Mit Hilfe eines 185 Meter hohen Spezialkrans und mit viel Know-how meistern sie die Rotorblattmontage für die zweite Windkraftanlage des Bürgerwindparks Gerichtstetten. Die RNZ hat ihnen am Mittwoch bei der anspruchsvollen Aufgabe über die Schultern geschaut.

Während das erste Windrad bereits seit vier Wochen steht, ging es am Dienstag mit dem ersten Rotorblatt der zweiten Anlage weiter. Die beiden anderen „Flügel“ folgten dann am Mittwoch. Bauleiter Ulrich Fröbisch und Sicherheitsbeauftragter Mustafa Akpinar (beide Firma Enercon, Aurich) machen deutlich, wie groß der Aufwand ist, bis ein Windrad fertig montiert ist. Pro Anlage sind allein zweieinhalb Wochen Vormontage nötig. Das eigentliche Ziehen der Rotorblätter geht dann zwar schnell – in 20 Minuten ist es erledigt – doch dafür muss es ziemlich windstill sein.

„Es ist wichtig, dass der Wind nicht schneller als fünf Meter pro Sekunde weht“, verdeutlicht der Bauleiter. Andernfalls wäre es viel zu gefährlich, das 38 Tonnen und rund 70 Meter lange Rotorblatt in die Höhe zu hieven. „Der Wind ist für den Aufbau einer Windkraftanlage der größte Feind“, erklärt Fröbisch lachend, „auch wenn es Harald freuen dürfte, dass der Wind hier so stark weht.“

Dieser „Harald“, das ist Initiator Harald Schmieg, der die Idee für den Bürgerwindpark hatte. Der Landwirt und Unternehmer aus Gerichtstetten sieht, wie seine Vision nun Wirklichkeit wird. Zunächst werden vier der sechs geplanten Anlagen errichtet. Für die beiden anderen läuft noch das Genehmigungsverfahren. Der Windpark soll später einmal so viel Strom liefern, wie 10.000 Haushalte pro Jahr verbrauchen. Die gerade im Bau befindlichen Windräder sind vom Typ E-141 EP4 vom deutschen Hersteller Enercon. Die Windräder haben eine Nabenhöhe von 159 Metern und einen Rotordurchmesser von 141 Metern.

Bis Ende Mai sollen die vier Anlagen stehen. Die ersten Windräder werden aber schon im April ans Netz gehen, erklärt Harald Schmieg, der sich von der Arbeit des Montagetrupps angetan zeigt: „Ich habe riesigen Respekt vor der professionellen Arbeit des gesamten Teams!“

Wie gut vorbereitet die einzelnen Arbeitsschritte sind, und mit welcher Professionalität das 30-köpfige Team auf der Baustelle zu Werke geht, lässt sich anschließend beobachten. Kaum lässt der Wind nach, hebt sich das riesige Rotorblatt sanft in die Luft . Nach wenigen Minuten ist der „Flügel“ fast am Ziel, am sogenannten Blattadapter. Sobald das Rotorblatt die gewünschte Position erreicht hat ist enormes Fingerspitzengefühl gefragt. Mehrere Monteure sorgen in schwindelerregender Höhe dafür, dass das riesige Bauteil seinen Platz findet und an der Gondel befestigt werden kann.

Zeit, sich über die technische Meisterleistung zu freuen, bleibt den Arbeitern jedoch nicht: Schließlich muss der „Flügel“ jetzt noch in die richtige Position gedreht werden, und anschließend wartet schon das nächste Rotorblatt auf seine Montage …

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© Rhein-Neckar-Zeitung, Mittwoch, 21.03.2018